Wikipedia definiert Zeitgeist als "die allgemein vorherrschenden intellektuellen Überzeugungen und Ideen, Meinungen und Lebensauffassungen einer Epoche" [...].
"Zeitgeist" definiert Zeitgeist als Konstrukt finsterer Oligarchen, das den Menschen durch Propaganda, Ablenkung und Angst jeglicher Möglichkeit zu eigenverantwortlichem Handeln beraubt.
Ganz unprätentiös beginnt das zweistündige Werk mit einem Monolog zum Thema Spiritualität, um dann mit einer Collage aus unterschiedlichen Kriegsimpressionen, unterlegt mit treibender Musik (höre ich Koyaanisqatsi?), das erste Kapitel der Dokumentation einzuleiten.
Dieses dreht sich um den Komplex "Religion". Mit betont süffisanter Rhetorik führen die Autoren die Ursprünge des jüdisch-christlichen Glaubens auf die Äqypter zurück, deren Religion wiederum auf eine animistische Sonnenverehrung, und Religion an sich auf eine Codierung astronomischer Beobachtungen. So weit, so unspektakulär - sollte man meinen. Ähnliche Thesen finden sich in zahlreichen Büchern und Dokumentationen; und auch eine Infragestellung der historischen Person Jesu Christi ist heutzutage kein besonders skandalöser Akt mehr.
Wie gesagt, sollte man meinen. Denn der betont herablassende Tonfall der selbsternannten Ikonoklasten läßt keinen Zweifel daran, worum es den Filmemachern hier geht: Aufzuräumen mit dem ewig lästigen Stiefkind Religion, den Hemmschuh Christentum abzustreifen und aus den Klauen des Klerus zur wie auch immer gearteten Erleuchtung zu gelangen.
Folgerichtig blockiert sich die - trotz einiger faktischer Fehler - im Grunde plausible Argumentation permanent selbst durch ihren überaus ultimativen Ton. Trotz aller Bemühungen, der Tirade einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen, wird deutlich, daß das Ergebnis - "Religion ist dumm und schlecht" - bereits im Vorfeld der Untersuchung feststand. Man kann kaum umhin, die Schilderung als eine Art Selbsttherapie von frustrierten anglo-amerikanischen Agnostikern zu sehen, denen die Wut über Kreationismus und co. jegliche objektive Distanz verwehrt. Tja.
Der zweite Teil, das Kernstück dieses Werks, ist eine Betrachtung des Elften Septembers 2001 und der ihn umgebenden Mythen. In loser Reihenfolge seien erwähnt: Controlled Demolition, das Pentagon-Flugzeug, die Bush/Bin-Laden-Connection, die quicklebendigen Selbstmordattentäter, et cetera.
Die meisten dieser Aspekte wurden auch schon im ambivalenten "Loose Change" beleuchtet, und genau wie bei diesem bleibt trotz aller halbwegs glaubhaften (weil: nicht zu widerlegenden) Theorien und überzeugten Aussagen ein grundsätzliches Problem: Sämtliche, wirklich ausnahmslos alle Ungereimtheiten der Angelegenheit werden - praktisch via Brute Force - auseinandergenommen und in ein Paralleluniversum verfrachtet, wo Vermutung zu Wahrheit wird und Möglichkeit zu Gewißheit.
Ist es möglich, daß die US-Regierung im Vorfeld des Anschlags tonnenweise Sprengstoff in den Twin Towers deponiert, diesen zeitgleich mit dem Einschlag der Flugzeuge gezündet und alle Beweise sowie Zeugen dafür hat verschwinden lassen?
Möglich, ja. Warum nicht? Aber ist es wahrscheinlich? Hm.
Doch damit nicht genug: Wenn ein Elfter September nicht mehr ausreicht, muß eben noch ein WTC 1993, ein Oklahoma City und nicht zuletzt ein London 2005 herhalten. Nach dem Motto: Die Masse machts, und irgendwas wird schon dransein.
Das dritte und finale Kapitel widmet sich schließlich dem internationalen Konglomerat der Bösen Banken. Das komplette Finanzsystem und damit die gesamte Volkswirtschaft werde kontrolliert von einigen wenigen Kreditinstituten (in der Hauptsache dem Federal Reserve Board), die nach Belieben Zinsen erhöhen und damit Wirtschaftskrisen auslösen können. In diesem Zusammenhang darf natürlich auch der Schwarze Freitag von 1929 nicht fehlen, genausowenig wie Pearl Harbor und - Moment, Pearl Harbor? Natürlich, denn Kriege sind enorm profitabel für diejenigen, die die Geldreserven kontrollieren - weshalb der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg (wie auch in den Ersten, den Vietnam- und den Terrorkrieg) folgerichtig von den bösen Bonzen provoziert wurde. Und wenn wir schonmal bei Kriegen sind, ist auch der Weg zur Weltregierung nicht weit, deren Vorsitz die Rockefellers und andere insgeheim anstreben.
Was läßt sich also festhalten? Der Film ist ein Paradebeispiel dafür, wie der menschliche Geist nach Sinn im Unbegreiflichen sucht. Der Elfte September ist in all seiner traumatisierenden Surrealität auch sieben Jahre danach von der Welt- und vor allem der amerikanischen Öffentlichkeit noch weitgehend unverarbeitet, was das Interesse an vermeintlich Erhellendem wie "Loose Change", "Fahrenheit 9/11" und eben auch "Zeitgeist" zum Teil erklären mag.
Damit soll nicht gesagt sein, daß alles, was in offiziellen Berichten steht, sich tatsächlich so zugetragen hat. In der Tat wollen so einige Fakten nicht recht ins Bild passen - aber ist diese Art der Bewältigung der Sache tatsächlich zuträglich?
Viele der im Film behandelten Themen lassen sich wohl sinnvoller im Rahmen seriöser, wissenschaftlicher Publikationen erörtern als in diesem 120-minütigen Trommelfeuer von Anschuldigungen, Sarkasmen und Explosionen.
Letzten Endes bemüht der Film genau die Taktiken, die er an anderer Stelle bemängelt: Er präsentiert unbewiesene Fakten, reißt Zitate aus ihrem Zusammenhang und verschweigt gezielt Details, die ihn in seiner Argumentation behindern.
So demonstriert der Film eine Gegebenheit unserer Tage, die man womöglich tatsächlich als "Zeitgeist" betiteln kann - eine Einzelmeinung, der allein ihr Forum den Anschein wissenschaftlicher Autorität verleiht.
