Karl Rove, der Architekt, sitzt in seinem bequemen Sessel im Hinterzimmer der Matrix und programmiert flinken Fingers kleine, gemeine Subroutinen ins System. Implantiert Mythen, die sich in Monaten die edle Patina von Legenden verdienen, und schmiedet Allianzen, die so gewachsen wirken, als wären sie von Gott selbst an diese Stelle befördert.
Was läßt sich sagen über den Mann, der John Kerry mit seinem geflügelten "Flip Flop" das politische Genick brach? Was läßt sich sagen über den Mann, der die Grand Old Party mit der evangelikalen Rechten vermählte? Den pragmatischen Vater der Präsidentschaft George W. Bushs?
Nachdem ich ein paar Minuten in diese Doku hineingeschaut hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen - alles paßte: die Schwarz-Weiß-Fotos, die Lobeshymnen, die Wegbegleiter, die sich mit glänzenden Augen erinnern, damals, 2004, und das alles ohne einen einzigen Kommentar vom Meister selbst - klarer Fall, dies mußte ein Nachruf sein!
Also, schnell Wikipedia angeschmissen und nachgeschaut. Nein, steht da, Karl Rove ist quicklebendig und erfreut sich anscheinend bester Gesundheit. Weitergeschaut, aha, Metrics, private Daten von 200 Millionen Amerikanern, alles legal erworben versteht sich, soso, echter Politautist, der siamesische Zwilling von Bush.
Im Abspann dann die Erhellung: "Karl Rove declined to be interviewed for this program."
Naja, verständlich irgendwie - wer will schon seinen eigenen Nachruf schreiben?
Auf der anderen Seite... Wer, wenn nicht er?
Weiterführend sei erwähnt, daß dieser Film nur wenige Monate, bevor Roves Stuhl nach der Plame-Affäre ziemlich heiß wurde, herauskam. Da hat sich der Musterschüler doch noch einen Ausrutscher geleistet.
Zur Präsidentschaftswahl, Stichwort Exit Polls, empfehle ich den aufschlußreichen Artikel "Was the 2004 Election Stolen?" von Robert F. Kennedy Jr., erschienen 2006 im Rolling Stone.